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Leute glauben, ich sei nur hier, um mir die Hörner abzulaufen und
mich nebenbei auf irgendeinen Beruf vorzubereiten
Es war eine Erholung, nachher Dr. Gerhard im Café zu treffen. Ich
erzählte ihm von meinen Familienbesuchen, er räusperte sich ein
paarmal und sah mich prüfend an. Dann meinte er, das mit dem
Hörnerablaufen sei wohl eine veraltete studentische Schablone,
aber es gäbe neuerdings eine ganze Anzahl junger Leute, die sich
gärenshalber hier aufhielten, und zu diesen würde wohl auch ich
zu rechnen sein.
Eine sonderbare Definition .. gärenshalber .. aber der Doktor
drückt sich gerne etwas gewunden aus .. das scheint überhaupt hier
üblich zu sein. Wenn man darüber nachdenkt, hat er eigentlich nicht
ganz unrecht. Vielleicht ist etwas Wahres daran .. es kommt mir
ganz plausibel vor, daß mein Stiefvater mich gärenshalber
hergeschickt hat. Nur paßt es wohl gerade auf mich nicht recht. Ich
habe keine Tendenzen zum Gären und auch gar kein Verlangen
danach .. überhaupt nicht viel eigne Initiative .. ich werde einfach zu
irgend etwas verurteilt, und das geschieht dann mit mir. Mein
Stiefvater meint es sehr gut und hat viel Verständnis für meine
Veranlagung; so pflege ich im großen und ganzen auch immer zu
tun, was er über mich verhängt.
Verhängt .. ja, das ist wohl das richtige Wort. Schon allein die
äußeren Umstände bringen es mit sich, daß immer alles eine Art
Verhängnis für mich wird. Zum Beispiel in erster Linie mein Name
und meine Väter. Meinen richtigen Vater habe ich kaum gekannt ..
er soll sehr unsympathisch gewesen sein .. und nur den Namen von
ihm bekommen. Mein Stiefvater hat einen normalen, unauffälligen
Namen und war eigentlich die erste Liebe meiner Mutter. Sie hätte
ihn ebensogut gleich heiraten können, und alles wäre vermieden
worden. Es wurde aber nicht vermieden, denn es war über mich
verhängt, diesen Namen zu bekommen und mein Leben lang mit
ihm herumzulaufen.
Dame .. Herr Dame .. wie kann man Herr Dame heißen? so fragen
die anderen, und so habe ich selbst gefragt, bis ich die Antwort
fand: Ich bin eben dazu verurteilt, und der Name verurteilt mich
weiter zu allem möglichen .. zum Beispiel zu einer ganz bestimmten
Art von Lebensführung .. einem matten, neutralen Auftreten, das
mich irgendwie motiviert. Dissonanzen kann ich nun einmal nicht
vertragen, und das Matte, Neutrale liegt wohl auch in meiner Natur.
Ich habe es nur allmählich noch mehr herausgearbeitet und richtig
betonen gelernt.
Über das alles habe ich mit Dr. Gerhard ausführlich gesprochen, er
schien es auch zu verstehen, und es interessierte ihn. Der
Verurteilte sei wohl ein Typus, meinte er, mit derselben
Berechtigung wie der Verschwender, der Don Juan, der
Abenteurer und so weiter als feststehende Typen betrachtet
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