| |
deshalb brauchten sie sich nicht einzubilden, daß sie nun jedem von
ihnen gleich in die Arme sänke.
Ratlos stand der Fritz neben ihr und wollte sie trösten, aber ihr fielen
immer mehr traurige Sachen ein, alle glaubten, daß man mit ihr nur
lachen und Tollheiten treiben könnte, aber sie brauchte auch
Menschen, die gut gegen sie wären; wußten sie denn überhaupt,
was alles für Kämpfe und Schmerzen hinter ihr lagen? Der Fritz
ging ganz in Mitgefühl auf; daß Ellen auch traurig und empfindsam
sein konnte, war so überraschend für ihn, daß er alles andre
vergaß. Er streichelte ihre Haare und legte den Arm um sie wie ein
guter Bruder, schließlich weinten sie beide zusammen helle Tränen
über alles, was es im Leben Schweres und Trauriges gab, - bis zum
späten Nachmittag blieben sie droben. Dann gingen sie in die Stadt
zum Essen - und bei Zarek zerbrach man sich den Kopf darüber,
warum die beiden sich den ganzen Tag nicht sehen ließen.
Aber von nun an hatte Ellen am Fritz einen treuen Freund
gefunden, auf den sie sich verlassen konnte, und der nie mehr von
Liebe sprach.
Das taugt alles nichts, sagte Walkoff - Ellen war bei ihm im Atelier
und hatte einen Haufen Zeichnungen mitgebracht - du zeichnest
wie verrückt drauf los, aber es liegt nichts darin - gar nichts. Deine
Arbeiten sind ganz wie du selbst: du taumelst herum, fällst
auseinander - ein Stück hierhin, eins dorthin.
Sie sah ihn trostlos an. Ja, wenn sie reden könnte. warum sie so
war, warum sie so geworden - alles, was sie drückte - aber davon
wollte er nichts wissen - drängte alles in sie zurück.
Hart sein, Ellen, nicht dies ewige Sichhingebenwollen. Nur in der
Kunst, da gib dich ganz hin, aber im Leben halt dich zusammen. Ich
will dein Freund sein, aber gerade deshalb mag ich dich nicht
schwach sehen. Wenn ich dir helfen soll, darfst du kein Mitleid von
mir wollen. - Leg einmal deine Hand dort hin.
Er rückte die Lampe zurecht und fing an zu zeichnen: Das soll nicht
etwa nur wie eine Hand aussehen - das ist kein Kunststück und
jeder kann es lernen, einfach etwas nachzumachen - aber fühlen
muß man, wie es darin lebt und zuckt. Sieh mal, wie es da weich in
den Schatten hinübergeht - das herausbringen, die Bewegung, das
Leben. Wozu malst du überhaupt, wenn du nichts dabei fühlst? Eine
Zeichnung kann noch so schlecht sein, wenn nur eine Linie darin
Empfindung hat. Und arbeiten, Ellen, arbeiten! Den ganzen Tag
davor hinsitzen ist noch kein Arbeiten. Lieber gar nichts tun, wenn
du nicht fühlst, daß alles in dir zittert. Immer muß man daran
denken, sich darauf stimmen wie zur Andacht.
Erst tief in der Nacht kam Ellen nach Hause und wie in einer großen
inneren Erschütterung. Auf den Knien hätte sie dem Himmel danken
mögen, daß sie diesen Menschen gefunden hatte, wenn er ihr auch
noch so wehe tat. Erbarmungslos nahm er das Messer und legte
|  |
|
| |
|
|