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einmal auch für mich so schöne volle Worte waren, kommt mir jetzt
fast wie eine Redensart vor, wie wenn man bei einem Gottesdienst
sitzt, nachdem man längst den Kinderglauben verloren hat. Und ich
bleibe bei meinem Nein. -
22. Oktober
Wirklich, ich bin ganz verwandelt, mich erregt nichts, macht nichts
mehr traurig, mich läßt alles kalt außer dem Arbeitsfieber, das in mir
brennt. Ich kann mich nicht mehr teilen - aber ich bin froh, daß das
endlich gekommen ist.
Durch die Dalwendt lernte ich noch zur Zeit unsres alten Ateliers ein
junges Mädchen kennen, sie heißt Marie-Luise und ist sehr
eigentümlich und schön mit ihrem gradlinig geschnittenen Gesicht
und dem dichten, goldenen Haar. Sie lebt mit ihrem Bruder
zusammen, er hat dieselben Züge, nur schärfer und etwas
Leidendes drin. Beide leben ganz in Büchern und Gedanken - ich
bin oft abends da und kann sie mir nur in diesem halbdunklen
Zimmer mit der umschleierten Lampe und den vielen alten Sachen
denken. Es kommen noch allerhand Menschen hin, die auch nicht
zur übrigen Welt zu gehören scheinen und von denen man nie recht
begreift, wer sie sind und was sie tun. Alle kommen spät abends,
gegen elf Uhr, und meist gehen wir dann noch in der Nacht durch
den Englischen Garten. Manchmal besuchen wir auch einen alten,
verwachsenen Pfarrer, der in einer Dachstube wohnt und aussieht
wie ein Waldmensch in seinem graugrünen kuttenartigen Schlafrock
und dem mächtig langen Bart. Er gibt uns schlechten Wein zu
trinken - Maria-Luises Bruder liest Zarathustra vor und gibt es für ein
apokryphes Buch der Bibel aus. Zuweilen fällt es dem Alten plötzlich
ein, eine Andacht zu halten, dann kriecht er in eine Ecke und brüllt
zu dem verstimmten Klavier mit furchtbarer Stimme Choräle.
29. Oktober
Neulich abend wollten wir etwas erleben und gingen in möglichst
verdächtige Gesindelkneipen, hatten Revolver mit, aber es
passierte gar nichts. Es waren nur die beiden Geschwister und ich,
wir gingen nachher noch zu ihnen hinauf und sprachen die ganze
Nacht durch, ich erzählte ihnen von meinem Leben. 'Und Sie
glauben noch an Glück,' sagte der Bruder. - Ich dachte an den
Sommer und sagte ja - aber ich fühlte wohl, daß er weiß, wie es in
mir aussieht.
In der Morgenfrühe brachten sie mich nach Hause, und ich lag den
ganzen nächsten Tag mit furchtbarem Kopfweh da. Es ist ein eignes
Gefühl, so einen langen, hellen Tag im Bett zu liegen und sich nicht
recht besinnen zu können. Ich wußte kaum, ob es Morgen oder
Nachmittag wäre. Dann kam jemand herein, ich sah Marie-Luise
neben mir stehen und konnte mir nicht recht klar werden. Sie
beugte sich zu mir nieder, sagte irgend etwas, dann küßte sie mich
auf die Stirn und war wieder fort. Gegen Abend wachte ich auf und
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