| |
dieser Sommer-Herbststimmung mit dem blauen Duft. Gestern lud
sie mich den Abend zu sich ein. Sie lebt mit ihrer Mutter, die den
ganzen Tag arbeitet, um ihr das Studium zu ermöglichen. So etwas
greift mich an meiner sentimentalen Seite an. - Die Erinnerungen
sind mir noch zu nah, ich darf nicht daran denken, - an nichts, als
daß ich jetzt weiterkomme. Nach Tisch ließ sie mich ihre Sachen
sehen, Federzeichnungen, alle möglichen Kompositionen. Ich bin
ganz in mich zusammengesunken. Was hat die für ein Können und
ist kaum älter wie ich. Wir gingen noch spät im Mondschein an die
Isar hinunter, standen lange auf der Brücke und sprachen von
unserm Leben und von der Kunst.
Jetzt ist es nach Mitternacht, ich bin eben erst heraufgekommen,
habe die Fenster weit aufgemacht, Mondlicht und Nacht kommen
von draußen herein. Heute hab' ich einen Einblick in das ganze,
bewußte Schaffen eines andern Menschen getan und ringe nun
darum, das auch in mir zu finden. Es ist wie Gebetsstimmung in
mir.
9. September
Früh an der Akademie, um ein Modell zu suchen. Ich war schlecht
angezogen - wie immer, denn ich habe überhaupt fast nichts mehr
anzuziehen - und wurde selbst für ein Modell gehalten. Ein Maler
wollte mich mitnehmen, ich hatte die größte Lust, aber ich darf jetzt
nur für meine Arbeit leben und keine Kindereien treiben.
14. September
In den Bergen gewesen, und da bekam ich Heimweh nach dem
Meer, nach dem Freien, Weiten. Die andern lachten mich aus, weil
ich mir die Berge höher vorgestellt hatte. Überhaupt bin ich fast
immer enttäuscht, wenn ich etwas sehe, das ich mir irgendwie
vorgestellt habe. Es ist nie so überwältigend, wie ich es haben
wollte.
Zu Hause Briefe von Reinhard vorgefunden. Er freut sich über
meine jetzige Lebenslust. - Es kommt mir fast wie Ironie vor - denn
ich bin gar nicht lustig - mir ist, als ob mein Leben in einer Krisis
wäre, die vielleicht alles verschlingt.
Ich denke viel über Reinhard und über unser Verhältnis nach. Wie
waren wir glücklich zusammen diesen Sommer - ich war also doch
einmal wirklich glücklich und glaubte selbst daran. Aber mitten im
Glück dachte ich wieder an einen andern - Leon, - es zuckt immer
noch etwas in mir nach, wenn ich seine Karte lese, und ich möchte
ihn wiedersehen. Das war noch bei allen meinen Lieben so.
Vielleicht kann ich überhaupt nicht ganz und ungeteilt lieben - das
habe ich mir schon oft gesagt - oder wenigstens nicht einen allein.
Wie oft haben Reinhard und ich darüber gesprochen - er glaubt
selbst, daß er sehr frei denkt - aber nur da, wo es nicht unser
Verhältnis zueinander angeht. Er ist im Grunde doch ein
moralischer Mensch und ich bin es nicht, das ist die ganze
|  |
|
| |
|
|