| |
Als der Schaffner kam, hielt sie ihm ihr Billett hin, als wäre es ein
Königreich - und für sie war es auch eines. - Gott, wenn er nur
etwas sagte, der erste Mensch, der ihr heute begegnete - er mußte
etwas sagen, sich mit ihr freuen, ihr Glück wünschen. Sie gab ihm
alles Kleingeld, das sie noch in der Tasche hatte, und nun grinste er
endlich, und Ellen lachte.
Na, Sie sind aber vergnügt am frühen Morgen, Fräulein.
Ellen warf sich in die Ecke und lachte - lachte. Es war klar, daß der
Mann sie für verrückt hielt.
Bei der nächsten Station tat sie eine schwarze Brille und einen
dichten Schleier an, es ging ja mitten durch das Land der zahllosen
Verwandten, überall konnte sie bekannte Gesichter treffen. Und
dann wußte sie nicht, wie ihre Fassung behaupten, als andre Leute
einstiegen mit einem Kind, das sich vor ihr fürchtete und zu schreien
begann - und der Schaffner wieder hereinkam und sie immer
verdutzter ansah.
Nicht einmal Lisa und Detlev erkannten sie, als Ellen über den
Perron auf sie zustürzte. Der Bruder war heimlich gekommen, um
diesen Tag mitzuerleben, sie flogen sich in die Arme und lachten bis
zu Tränen. Durch das stürmische Frühlingswetter gingen sie alle
drei zu Lisas Wohnung. Es war wie der Wahrheit gewordene Traum
all ihrer Jugendjahre. daß Ellen jetzt ihre Ketten gebrochen hatte,
und tagelang war mit den beiden Geschwistern kein vernünftiges
Wort zu reden. Sie sprangen über Tische und Stühle, erfüllten das
ganze Hans mit Lärm und Lachen, gingen Arm in Arm durch die
Stadt, verkauften Ellens Schmucksachen, um Rheinwein zu trinken,
und kamen abends singend nach Hause, um das fröhliche Gelage
fortzusetzen.
Jetzt wollen wir doch endlich ein ernstes Wort über Ellens Zukunft
reden, sagte dann Detlev, während er die mitgebrachten Flaschen
auf den Tisch stellte - und gleich darauf klangen die Gläser und sie
lachten. Selbst die Freundin schüttelte manchmal den Kopf - sie
hatte ein warmes Interesse für diese beiden jungen Menschen und
ihr Schicksal lag ihr sehr am Herzen. Aber was sollte wohl einmal
aus ihnen werden, besonders aus Ellen, wenn das Leben sie hart
anfaßte?
Dazwischen erwarteten sie jeden Augenblick, daß plötzlich
irgendein Abgesandter der Familie erscheinen, Ellen zurückfordern
und gewaltige Szenen und Stürme mit sich bringen würde. Aber es
geschah nichts von alledem, es kam nur ein kurzer Brief von Ellens
Vater an ihre Freundin; er sähe jetzt, daß er seine Tochter nicht
mehr zurückhalten könne, sich ins Verderben zu stürzen.
Als der Bruder fort war, kam Ellen wieder etwas mehr zur
Besinnung und fing an, Stellung zu suchen - fuhr hierhin und
dorthin, meldete sich auf alle Annoncen oder bei
Schulvorsteherinnen und Schulräten. Aber es vergingen Wochen,
|  |
|
| |
|
|