| |
paar Zeilen an den Pfarrer, und bei jedem Wort durchrieselte es sie
wie ein Schluck starker Wein. Wie oft hatte sie von dem Augenblick
geträumt, wo sie solche Worte sagen konnte: Ich gehe jetzt. Ihr
seid die Besiegten. Macht, was ihr wollt, ich gehe.
Dann machte sie das Fenster auf und ließ ihren Koffer an einem
Strick herunter. Mit Schrecken fühlte sie, wie schwer er war, ein
paarmal wäre ihr fast der Strick aus der Hand geglitten, und der
Koffer schlug gegen die Hauswand. Gerade unter ihr lag das
Krankenzimmer, wo jetzt eine Pflegerin bei der langsam Sterbenden
wachte. Gott im Himmel, da schlug er wieder an. Wenn nun plötzlich
da unten jemand das Fenster aufmachte und fragte -.
Und nun konnte sie ihre Schuhe nicht finden. - Alles war wie verhext
heute morgen. Natürlich lagen sie unten in der Küche zum Putzen,
sie war ja gestern in Hausschuhen heraufgekommen. Sie blies das
Licht aus, schloß die Tür hinter sich zu und warf den Schlüssel in
eine Ecke - ihr Zimmer lag oben auf dem Speicher. Dann tappte sie
die Treppe hinunter, die Stufen knarrten wie noch nie. Und jetzt in
der dunklen Küche aus dem Haufen von Stiefeln die ihren
heraussuchen. Der große Haushund lag auf dem Flur, er erkannte
sie nicht gleich und fing an zu knurren, dann wedelte er und wollte
mit, als Ellen zum Küchenfenster hinaussprang. Sie faßte ihn am
Halsband und schob ihn zurück, horchte noch einmal, ob alles still
wäre, dann schlich sie leise um das Haus und band den Koffer los.
Im Krankenzimmer war Licht, und man hörte gedämpfte Stimmen.
Auf dem Kirchhof blieb Ellen stehen und sah auf das stille, weiße
Haus zurück, und dann strebte sie so rasch wie möglich über die
Felder der Stadt zu. Hier und da setzte sie sich auf den Koffer und
ruhte aus, er war entsetzlich schwer. Im Notfall laß ich ihn im
Stich, dachte sie, aber es war alles darin, was sie besaß - Briefe
und Bücher, die sie nicht preisgeben wollte. Endlich kamen die
ersten Häuser der Stadt, und dort drunten lag der Bahnhof. Es war
höchste Zeit - Ellen warf ihre Last mit einem heftigen Ruck auf die
Schulter und fing an, Trab zu laufen, ihre Schritte hallten laut durch
die stillen Straßen, und dicke Tropfen rannen ihr von der Stirn. Im
letzten Moment kam sie an, konnte gerade noch das Gepäck
hineinwerfen und nachspringen ehe der Zug sich in Bewegung
setzte.
Über dem weiten Flachland wurde es immer heller. Ellen war allein
im Kupee und sang laut in den Morgen hinein. Sie konnte nicht
stillsitzen und nicht stillschweigen, ihr war, als ob sie sonst
zerspringen müßte: frei bin ich, frei bin ich, frei - frei! An dem Wort
berauschte sie sich, taumelte fast, lief hin und her, von einem
Fenster zum andern und sang wieder hinaus: frei bin ich, frei -
setzte sich einen Augenblick hin und lachte, daß ihr die Tränen
kamen.
|  |
|
| |
|
|