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leichter ums Herz. Ein Jahr - nicht mehr ganz ein Jahr, mein Gott,
Friedl, was ist das für ein Gedanke. Wenn sie mich nur nicht vorher
noch aus dem Seminar hinauswerfen; es ist meinen Eltern neulich
erzählt worden, daß ich schlechte Bücher und Ansichten verbreitete.
Übrigens schwänze ich oft die Stunden und rudere statt dessen auf
dem Wasser hinter der Bendstraße. Einmal bin ich auch heimlich zu
Lisa Seebald gefahren, es sind ja nur zwei Stunden. Sie hat eine
entzückende Wohnung und sagte, wenn der Krach mit zu Hause
einmal käme, könnte ich bei ihr wohnen, so lange ich wollte.
Meine Sünden sind überhaupt Legion - ich bin tief gesunken, seit
Du und Detlev mich nicht mehr bewacht. Soll ich Dir auch noch
beichten, daß ich neulich mit Elfriede Liemann auf einem
Sonntagstanz gewesen bin, wo wir mit Soldaten und Arbeitern
tanzten? Wir standen an der Fähre und bekamen solche Lust, als
wir die Musik hörten. Elfriede und ich sind übereingekommen, wenn
alle Stränge reißen, als Kellnerinnen nach Berlin zu gehen, um mit
euch zusammenzusein.
Schüttelst Du nun auch den Kopf und sagst wie mein Vater: Was
soll aus dir werden, wenn du dich nicht zügeln lernst?
Ja, was soll aus mir werden, das denke ich auch manchmal.
Übrigens bin ich viel mit Ernst Allersen zusammen, wir gehen fast
jeden Morgen vor meinen Stunden am Hafen herum. Der Verkehr
mit ihm ist mir sehr viel, und ich brauche jemand, mit dem ich reden
kann. Weißt Du noch, wie Detlev ihn immer den zweiten Zarathustra
nannte, ich muß oft daran denken. Wir gehen meist schweigend
nebeneinander, oder ich erzähle ihm von meinem Leben, und er
rollt nur die Augen und sagt: Ja, ja.
- - Wieder ist mein Brief liegen geblieben, aber heute muß ich mich
zu Dir flüchten, um wieder zur Besinnung zu kommen. Vorgestern
hat sich der junge Rehmer erschossen, Du hast ihn doch bei uns
gesehen - er war erst sechzehn Jahre alt. - Ich hab' ihn gesehen, da
ich gerade mit einer Bestellung hingeschickt wurde, und den ganzen
Tag konnte ich diesen Anblick nicht mehr los werden - das blasse
Gesicht mit dem Tuch um die Stirn.
Statt zur Schule zu gehen, nahm ich mir ein Boot und war den
ganzen Nachmittag auf dem Wasser - der Himmel war so trübe und
bleigrau, und ich konnte immer nur an den Tod denken und - wenn
dieses Kind den Mut hatte, warum kann ich ihn dann nicht auch
finden? Es wäre ja das beste, die Erlösung von allem. Jetzt bin ich
am Fenster bei dem schwülen Maiabend und möchte vergehen vor
Weh. Du schriebst mir das letztemal, ich sollte mir vor allem
Lebensmut und Freude bewahren. - Glaubst Du denn, ich habe
noch eines von den beiden? Nein, es ist nur noch eine verzweifelte
Zähigkeit, das Letzte durchzuhalten. Und warum muß das Leben
gerade mich so drücken, gerade mir alles nehmen, alles versagen?
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