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Es wurde dunkel, sie zündete die Lampe an und wollte den Vorhang
herunterlassen. - Da stand plötzlich jemand drüben unter der
Laterne und sah herüber. Sie riß das Fenster auf, Sturm und Regen
schlugen ihr ins Gesicht. - Ja, das war er, in seinem weiten Mantel...
keiner versuchte ein Wort oder ein Zeichen, sie mühten sich, mit
den Blicken durchs Dunkel zu fühlen, als ob nur ihre tiefe Sehnsucht
die Arme ausbreitete. - So standen sie sich lange stumm von ferne
gegenüber.
Als dann der Bruder ins Zimmer kam, schloß sie gerade das
Fenster, die Haare hingen ihr naß in die Stirn.
War Friedl da? fragte er, dann fielen sie sich in die Arme und
konnten beide eine Zeitlang nicht sprechen.
Detlev war der getreue Helfer, unermüdlich trug er die täglichen
Briefe hin und her, Blumen, Bücher - holte Ellen von der Schule ab
und brachte sie zu ihren Liebesstunden. Die beiden wollten sich
jeden Tag sehen, bei gutem Wetter wartete Friedl draußen vor der
Stadt am Mühlwasser. Da saßen sie in einem morschen alten Boot
unter den kahlen Weidenzweigen und hielten sich umschlungen, als
ob der lange Tag zwischen dem letzten Wiedersehen und dem
nächsten in diese kurze Stunde zerfließen müßte. Als es Winter
wurde, lagen sie oft alle drei auf der weiten, gefrorenen
Wasserfläche oder auf dem Felde im Schnee und sahen in den
schimmernden, weißen Himmel hinauf. Und war die Zeit zu kurz
und das Wetter arg, so blieben die Kirchen ihre Zuflucht. Detlev
nahm ein Buch mit und las, während Friedl und Ellen auf einer alten
schwarzen Sargbahre oder im Kirchengestühl saßen und sich
küßten und die hohen feierlichen Gewölbe schweigend auf all den
Frevel herabsahen. Wenn es vier Uhr war, kam der Kirchendiener
mit seinem großen, rostigen Schlüsselbund entlang: Meine
Herrschaften, die Kirche wird jetzt geschlossen.
Dann mußten sie sich trennen. Die Geschwister gingen langsam
heim; bis zum späten Mittagessen saßen sie in der Küche beim
heimlichen Kaffee, den die Köchin ihnen immer bereithielt, und
abends in Ellens Zimmer mit ihren Schularbeiten. Sie waren
unzertrennlich wie in alten Zeiten und sahen die übrige Familie fast
nur bei den Mahlzeiten. Alles, was sie in sich aufnahmen, lasen,
dachten, was in ihnen wuchs und was jeder erlebte, wurde erst voll
und ganz, wenn sie es miteinander teilten. Und was hatten sie nicht
alles in sich aufzunehmen in dieser Zeit!
Eines Abends kam Detlev mit einem Buch nach Hause. Die Eltern
waren aus, und dann machten die beiden Jüngsten es sich in des
Vaters Zimmer bequem. Sie holten sich ihren Tee herüber, vor dem
Ofen schliefen die Hunde, Ellen lag auf dem Sofa, Detlev saß neben
ihren Füßen und las vor - es war Nietzsches Zarathustra.
Sie bebten beide - der Himmel tat sich über ihnen auf in lichter
blauer Ferne - jedes Wort löste einen Aufschrei aus tiefster Seele,
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