| |
den Sturm hinaussang - ich kann eigentlich gar nicht singen, nur
wenn ich allein bin. Aber ich sehne mich so oft nach Musik, und sie
fehlt mir so. Aber bei uns ist das nun einmal so: was nicht zum
täglichen Brot gehört, ist überflüssig und verwerflich. Und was
könnte man alles aus sich machen, wenn einem nur ein bißchen
geholfen würde. Ich möchte alles können und alles wissen und muß
fortwährend meine ganze Kraft aufbieten, um nur das wenige zu
retten, was ich habe - damit mir nicht auch das zerdrückt wird.
Jetzt lese ich Tristan und Isolde in der alten Sprache, es ist so
wunderbar schön. Meist steige ich damit in einen Baum und
schaukle mich in den Zweigen und denke an Dich.
18. Mai
Kennst Du das Gedicht von Ibsen: 'Sie saß schon frühe - im
Lebensmai - in der Galerie - vor ihrer Staffelei? -' Und den Schluß,
wie sie immer noch da sitzt und von 'leuchtenden Schönheitstagen'
träumt, als der Lebensmai längst vorüber ist?
Vielleicht wird mein Schicksal ähnlich fallen. Und wenn Du nach
vielen Jahren heimkommst und Dir Dein Leben aufgebaut hast,
groß und schön, findest Du mich immer noch an meinem Fenster -
aber zerstört - vernichtet und fürs Leben verloren.
Und das mit dem Jäger - ich las heute gerade die beiden wieder -
erinnerst Du Dich - wie er den andern mit magischer Gewalt auf
einen Berg hinaufzieht und dort festhält. Und von droben sieht er
alles vergehen, woran er hing: sein Haus brennt auf, während der
Jäger von der schönen Beleuchtung spricht. Seine Braut zieht mit
einem fremden Mann zur Kirche - aber er bleibt auf dem Berg, und
wie alles vorbei ist und tot da drunten, ist er stark geworden und
gefeit: Mein Leben im Tale auf ewig tot - Hier oben Gott und ein
Morgenrot - dort unten tappen die andern -.
Vielleicht fällt es auch so...
1. Juni
Morgens halb vier - eben sind wir vom Ball gekommen durch den
schimmernden, tauigen Sommermorgen. Uns liefen Rehe über den
Weg. Wie kann man da zu Bett gehen? Ich habe unsinnig getanzt
und dachte so viel an Dich, wie wir damals zusammen tanzten. Ich
schicke Dir die Blumen, die ich im Haar hatte....
Sechs Uhr
Mir wurde vorhin doch etwas müde, da bin ich hinaus und zwei
Stunden lang durch die Wiesen und Felder gerannt, ganz ohne
Besinnen ins Blaue hinein mit meinen Tanzschuhen durchs nasse
Gras und über Gräben. Es war wie ein Rausch, ich fühlte mich so
frei, als ob es keine Fesseln mehr gäbe. Ach, wenn Du hier wärest,
ich alles mit Dir genießen könnte, mit Dir zusammen in der freien
Natur und die Seele ausruhen lassen. Da müßten wir beide froh
werden. - Vorhin war mir noch ganz wirblig vom Tanzen, aber jetzt
ist es vorbei. - Siehst Du, so etwas ist eigentlich nicht gut für mich,
|  |
|
| |
|
|