| |
Garten schlagen die Nachtigallen. - Friedl, was sollte wohl aus mir
werden, wenn ich Dich nicht hätte.
Ich habe noch viele bittre Worte gesagt und gehört in den letzten
Tagen zu Hause, es gab noch einen argen Zusammenstoß mit
meiner Mutter, und wir haben uns kaum Adieu gesagt. Papa sprach
den letzten Morgen mit mir über meine namenlose Starrköpfigkeit
und versicherte mir, daß es mir doch alles nichts helfen würde. Das
einzige Gute bei diesem Abschied war mit Detlev, wir haben uns
eine ganze Stunde geküßt und uns geschworen, fest
zusammenzuhalten. Beinahe hätte ich ihm jetzt schon unser
Geheimnis verraten.
Vorhin war ich mit den anderen im Wald. Ich lag im Gras und
träumte, während sie sich unterhielten, machte die Augen zu und
dachte an unser letztes Beisammensein: wir standen wieder im
Dom bei der großen Orgel - und dann sah ich Dich rasch fortgehen.
Da wurde mir zumut, als ob ich weit fortstürzen möchte in die
Einsamkeit mit allem Sehnen und Denken. Ich möchte Dich noch
einmal sehen und dann mein verfehltes, zertretenes Leben von mir
werfen. Ja, Friedl, ich fühle mich manchmal so entsetzlich zerrissen
und heimatlos, daß mich alle Kraft verlassen will. Nirgends bin ich
zu Hause, nirgends - am wenigsten da, wo ich es sein sollte. Kaum
ein halbes Jahr kann ich mit ihnen leben, dann muß ich wieder
hinaus unter fremde Menschen, wo ich auch nicht hingehöre.
Wenn sie auch gut gegen mich sind, gerade das tut mir manchmal
am meisten weh und es sind doch überall dieselben Schranken, an
denen ich mich wundstoße.
Und ich fühle doch auch, daß niemand so zur Lebensfreude
geschaffen ist wie ich - manchmal erschrecke ich selbst darüber,
was für Wildheit in mir steckt und sich ausrasen möchte.
Du bist ja der einzige, zu dem ich so sprechen kann. Hab Geduld
mit mir, Du allein, die andern haben sie ja alle nicht, weil ich nicht so
sein kann, wie sie mich haben wollen. Vielleicht, wenn Du mich
ganz kenntest, würdest Du ebenso denken wie sie. Das ist ein
fürchterlicher Gedanke; nein, sag mir, daß Du immer an mich
glauben willst - immer. Hilf mir, ich will auch alles auf mich nehmen,
wenn Du mich nur lieb hast.
10. Mai
Die ruhigen Tage hier haben mich wieder mehr ins Gleichgewicht
gebracht - sowie ich nur die wahnsinnige Überreizung von zu Hause
überwunden habe, bin ich wieder ein andrer Mensch. Und Dein
geliebter Brief macht mich so froh.
Ich werde hier förmlich verzogen und habe ziemlich viel Freiheit,
kann den ganzen Tag draußen zeichnen oder rudern.
Dein Herbstgedicht ist sehr schön - ich mußte an die Herbsttage
daheim in Nevershuus denken, wenn ich mit den Hunden auf der
Koppel war und im Gehen den Ossian las. Kennst Du den? Oder in
|  |
|
| |
|
|