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Zweiter Teil
L
, 3. März 1888
Vor allem will ich Sie beruhigen, daß weder meine Mutter noch
Detlev etwas von unsren Gesprächen gehört haben - sie schalt nur,
daß ich zu viel mit Ihnen getanzt hätte. - Herrgott, wenn sie wüßte,
daß ich jetzt an Sie schreibe - es ist bald fünf Uhr, unten auf der
Straße rasseln schon Milchwagen, ich liebe nichts mehr, als so eine
Nacht durch aufbleiben, und heute wäre es mir unmöglich gewesen
zu schlafen.
Es kommt mir wie ein Wunder vor, daß ich nun wirklich einen
Menschen gefunden habe, dem ich alles sagen kann und der mein
Freund sein will. Sie machen sich ja keinen Begriff davon, wie allein
ich war und wie todunglücklich ich mich von jeher zu Hause gefühlt
habe, besonders in diesem letzten Jahr, wo auch Detlev mir immer
fremder wurde. Sie wollten mir das nicht recht glauben, aber es ist
wirklich so: meine Mutter sieht es nicht gerne, wenn ich viel mit ihm
zusammen bin. Sie hat ihm das Versprechen abgenommen, mich
keine modernen Bücher lesen zu lassen und mich mit seinem
Verkehr nicht in Berührung zu bringen. Nur unter der Bedingung
darf ich mit ihm ausgehen, die Eltern sind ja schon außer sich, daß
er so in all diese Sachen hineingekommen ist und mit freidenkenden
Menschen verkehrt. Aber Sie können sich vorstellen, wie mir dabei
zumut war, wenn er mir von Ihnen und den andern erzählte, wie von
einer Welt, die mir immer verschlossen bleiben sollte. Dann fand ich
eines Tages auf seinem Schreibtisch 'Brand' und 'Peer Gynt' und
nahm es mir herüber. Ganze Tage habe ich darüber zugebracht und
konnte weder essen noch schlafen, nur immer wieder lesen, sowie
ich allein war. Es kam mir vor, als ob jedes Wort für mich
geschrieben wäre, ich wußte mit einemmal, daß es keine
unmöglichen Hirngespinste waren, mit denen ich kämpfte, - wenn
sich alles in mir sträubte gegen das Leben, das man mir aufzwingen
will. Früher empfand ich es immer als eine Art Unrecht gegen meine
Eltern, mich so dagegen aufzulehnen und heimliche Sachen zu tun,
aber nun ging es mir plötzlich auf, daß jeder ein unveräußerliches
Recht an sein Ich und sein eigenes Leben hat. Wissen Sie die
Stelle: das Eine darfst du nie verschenken, - dein Selbst, dein Ich,
den heilgen Dom - du darfst's nicht binden - nicht es lenken - nicht
hemmen seines Lebens Strom - Er rauscht dahin und strömt und
schwillt - bis er im Meer die Sehnsucht stillt.
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