| |
gegen jede Zucht und Ordnung aufgelehnt, dich auch heute noch
wieder mit Editha, die ja leider ganz unter deinem Einfluß steht,
lachend über alle Regeln hinweggesetzt hast, nur das eine will ich
dir sagen: für ehrlich wenigstens habe ich dich bis jetzt gehalten, bis
zu dem Augenblick, wo ich erfuhr, auf was für Schleichwegen du dir
dieses Buch verschafft hast. Jetzt weiß ich, daß du selbst vor einem
gemeinen Betrug nicht zurückschreckst - du, ein Mädchen aus
guter, hochgeachteter Familie - eine Konfirmandin. - Und ich sage
dir noch einmal, zum letztenmal: halt ein auf der abschüssigen
Bahn, die du wandelst. Geh in dich, ehe es zu spät ist, sonst wirst
du dermaleinst mit bittrer Reue an meine Worte zurückdenken.
Dann wandte sie sich zu den anderen: Ellen Olestjerne hat sich
eines gemeinen Betruges schuldig gemacht - sie hat den Namen
einer Mitschülerin mißbraucht, um sich ein Buch zu verschaffen,
daß sie nicht bezahlen konnte, und noch zwei andre veranlaßt, ihr
Geld zu borgen, um ihre Schuld wenigstens für den Augenblick zu
decken. Ihr habt sie von jetzt an als ehrlos zu betrachten und ich
warne jede, die noch mit ihr verkehrt.
Damit verließ sie das Zimmer und die schwarze Seidenschlange
raschelte ihr nach.
Ellen wanderte auf drei Tage in Arrest. Da saß sie in der
dämmerigen Turmstube, machte lange Gedichte auf Editha und
wartete, wie ihr Schicksal sich entscheiden würde. Als sie am
nächsten Sonntag der Reihe nach zur Pröpstin hineinkamen, um
ihre Zeugnisse vorzulegen, sagte die verhaßte Stimme:
Ellen Olestjerne, deine Eltern sind von dem Vorgefallenen
benachrichtigt. Du kannst noch bis Ostern hierbleiben, weil ich
ihnen nicht die Schande antun will, dich vor der Einsegnung
fortzuschicken.
Es war doch ein arger Schrecken, als die kalte, unerbittliche
Tatsache plötzlich vor ihr stand: fortgejagt - und die Eltern. - Wie in
einem bösen Traum ging Ellen hinaus, an den andern vorbei, ohne
irgend etwas zu sehen, die Treppe hinauf, oben am letzten
Gangfenster blieb sie stehen und legte das Gesicht an die
Scheiben. Sie hatte Todesangst vor zu Hause - heute wußten sie es
vielleicht schon. Es war nicht auszudenken, wie eine erdrückende
Last wälzte es sich von allen Seiten über sie her. Dazwischen
glänzte wohl auch etwas Helles, Freudiges auf: heimkommen - fort
aus diesen dumpfen Schulstuben, aus der moderigen Kerkerluft.
Heimatsvisionen kamen, das Schloß, die sonnigen großen Zimmer,
wo abends die Spatzen vor den Fenstern in den Ulmen schwätzten,
der sommerliche Garten mit seinem starken Fliederduft - Detlev, die
Geschwister alle - und nun schluchzte sie vor Heimweh. Ja sie
wollte nach Hause, nur nach Hause, wie schlimm es auch werden
mochte.
|  |
|
| |
|
|