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Sie sollten nun bald zum erstenmal an den Altar Gottes treten und
davor stand das Wort: Wer aber unwürdig isset und trinket, der isset
und trinket sich selber das Gericht. Wie ein Schauer lief es durch
die Reihe der zwölf jungen Mädchen, die andächtig auf ihrer
Schulbank saßen, und zugleich lag ein mächtiger Reiz darin,
schuldvoll und niedergeschlagen vor diesem Mann dazustehen, der
ihnen bis ins tiefste Innere schauen konnte und wußte, was Sünde
war.
Für Ellen war der Pfarrer von allen Vorgesetzten der einzige, zu
dem sie Vertrauen hatte. Er bekam alles zu wissen, was man tat,
und wie oft hatte sie ihm schon nach der Stunde in den großen Saal
folgen müssen, um eine Vermahnung zu bekommen, aber er schalt
nicht, suchte sie nicht zu beschämen oder zu demütigen wie die
Pröpstin, er fand jedesmal ein gutes Wort und ein verstehendes
Lächeln. Dafür war Ellen auch in seinen Stunden die
Aufmerksamkeit selbst und lernte die längsten Psalmen auswendig,
um ihm Freude zu machen.
Mit Editha war sie immer noch viel zusammen und schwärmte sie in
namenloser Hingebung an. Sie hatte das Herz voller Anbetung und
den Kopf voller Verse, bei Tisch, in den Stunden und abends im
Bett, immer fand sie wieder neue Reime zusammen, um die
Freundin zu besingen. Editha war die Schönste, die Beste, die
Unvergleichliche. Wenn sie abends im Schlafsaal das Haar
aufmachte, hing es wie ein dichter Mantel um sie her, die Brauen
lagen gleich zwei breiten, schwarzen Strichen über den dunklen,
schweren Augen. Und ihre Hände und Füße, die so klein und
zierlich waren - man konnte kaum begreifen, daß Editha sie wie
andere Menschen gebrauchen konnte.
Für die alte Vorsteherin gab es viele schwere Stunden. Seit die
beiden so eng befreundet waren, schien eine ganze Horde von
Teufeln in dem ehrwürdigen alten Gebäude zu spuken. Die ganze
erste Klasse war außer Rand und Band, trotz Konfirmationsstunden
und quälender Gewissensfragen. Es kam vor, daß den Lehrerinnen
Salz ins Bett gestreut wurde, so daß sie die ganze Nacht nicht
schlafen konnten, oder dem Kandidaten wurden alle Knöpfe vom
Mantel geschnitten und der Hut von oben bis unten mit Kreide
bemalt, was dann niemand getan haben wollte. Oder Ellen und
Editha wetteten, ob man Tinte trinken und vom höchsten Schrank
herunterspringen könnte. Und sie tranken wirklich Tinte und
sprangen von den Schränken herunter auf die Fliesen, daß die
andern leichenblaß wurden vor Schreck.
Anfang Februar war Edithas Geburtstag. Ellen träumte eine Zeitlang
davon, der Freundin ihre gesammelten Gedichte zu schenken, mit
Druckschrift und schön gebunden. Sie schienen ihr aber schließlich
doch nicht gut genug, und so wollte sie denn lieber ein Gedichtbuch
kaufen. Wer sie gemacht hatte, war ja einerlei, wenn nur recht viel
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