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Die haben uns dann angezeigt - ist das nicht eine Gemeinheit? Die
Alte kam selbst in die Klasse, alle sagten, so wütend hätte man sie
noch nie gesehen. 'Die Sünde ist unter euch wie ein fressender
Eiter,' sagte sie einmal - dabei platzte ich heraus, und nun fuhr sie
auf mich los: ich wäre die Anstifterin, das wüßte sie ganz genau. Ich
hätte die andern verleitet, im Nachthemd auf den Korridor zu gehen,
und das wäre unsittlich usw.
Es ist immer noch große Aufregung im Stift, denn fortwährend
kommen neue Schandtaten heraus, auch von dem vierten
Schlafsaal, der uns angezeigt hat. Aber es ist nicht recht
dahinterzukommen, was die eigentlich gemacht haben, denn das
wird alles bei der Pröpstin im Zimmer verhandelt. Sie hat nur die
Erste abgesetzt und alle in andre Schlafsäle verteilt.
Na, Gott sei Dank, Weihnachten sehen wir uns wieder, dann hab'
ich Dir noch viel zu erzählen. Aber ich werde dann wohl sehr in
Ungnade sein.
Deine Ellen.
Ist Fritz H. noch auf der Schule? Seit ich Editha habe, bin ich lange
nicht mehr so verliebt in ihn. Hier ist überhaupt niemand in Jungens
verliebt, wer keine Flamme hat, schwärmt für den Pfarrer. Aber nun
leb wohl.
Deine Ellen.
Am Neujahrstage saß Ellen in ihrer Heimatskirche und legte wie in
Kinderzeiten glühende Besserungsgelübde zu Gottes Füßen nieder.
Ein furchtbares Unwetter von elterlichem Zorn war über sie
hingebraust, und der Vater hatte lange und ernst mit ihr
gesprochen. Was soll denn aus dir werden, wenn sie dich nun
fortschicken und es immer so weiter geht?
Ihr war selbst bange geworden, was aus ihr werden sollte, aber es
war ja noch nicht zu spät sie wollte sich wirklich ändern, sich mehr
im Zaume halten.
Aber sie fühlte sich doch nicht ganz sicher, und dies Gefühl wurde
noch stärker, als sie wieder in der Pension war. Die ersten Wochen
ging es ganz gut. Unter den jungen Mädchen war jetzt viel von der
Konfirmation die Rede. Der Pfarrer hatte damit angefangen, ihnen
die Grundlagen und das Wesen des Christentums zu erzählen,
dann kamen die einzelnen Gebote und ihre Beziehung auf das
Leben - der ganze schwerwiegende Ernst, der in all den Drohungen
und Verheißungen lag - Gottes Zorn und Gottes Gnade. Als die
Sünde wider den heiligen Geist besprochen wurde - die Sünde des
Gläubigen, der mit vollem Bewußtsein die Gnade verscherzt, die
furchtbarste, äußerste Sünde, für die keine Vergebung ist, folgten
sie angstvoll jedem seiner Worte und zitterten bis in die tiefste Seele
hinein unter demselben Gedanken: und wenn nun ich sie begangen
hätte?
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