| |
Als die Nachricht kam, daß sie erkrankt war, lag Ellen in ihrem
Zimmer auf den Knien und dankte Gott. Am Fenster sangen ihre
Kanarienvögel, die Sonne lachte, und sie brauchte nicht in die
Stunde. Das Werkzeug ihrer Qual war verstummt und unterlegen.
Nun kam eine Reihe von Festtagen. Marianne regierte mit Milde
und fand, daß die Kinder sich dann auch viel besser lenken ließen.
Sie war sich immer gleich geblieben als die sanfte, ruhige Älteste,
zu der alle mit ihren Anliegen kamen. Und sie hatte nicht immer
einen leichten Stand dabei - die Mutter war hitzig und parteiisch,
Papa konnte keinen Ärger vertragen, und die junge Meute stürmte
fortwährend dagegen an, mit allen ihren Forderungen, Wünschen
und Unbotmäßigkeiten.
Jetzt ging jeder seinen Weg und dabei war Frieden. Ellen und
Detlev saßen halbe Tage in den Obstbäumen oder lagen im Gras
und lasen verbotene Bücher. Sie deklamierten sich gegenseitig die
Räuber vor und stritten darum, wer den Faust besser verstände.
Hier und da mußten sie auch alle der Schwester bei Gartenarbeiten
helfen, und manche Vorübergehende blieben am Gitter stehen und
sahen hinein, denn war das heranwachsende Geschlecht der
Olestjernes vollzählig beisammen, so konnte man jederzeit ein
stürmisches, weithinschallendes Gelächter hören, besonders wenn
die jungen Leute, wie sie in liebevoller Respektlosigkeit ihre Eltern
nannten, nicht dabei waren.
In dieser Zeit gab es für Ellen viel Gelegenheit, unbemerkt zu
entkommen, und das Herumtreiben hatte jetzt noch einen
besonderen Hintergrund. Denn Ellen liebte, und alle ihre Gedanken
gingen darauf hin, einem rothaarigen Primaner zu begegnen - an
den nebelverschleierten Herbsttagen, wenn die junge Welt in den
dämmerigen Gassen oder im Stadtpark auf- und abging. Ellen
wußte, daß ihre Liebe unglücklich und hoffnungslos war, denn er
stand auf der fernen, unerreichbaren Höhe des Erwachsenseins.
Aber es war schon lähmende Seligkeit, ihn nur zu sehen, von ihm
gegrüßt zu werden und dann abends an ihn zu denken, wenn sie im
Bett lag.
In der kleinen Stadt blieb nichts verborgen. Bald nachdem die
Freifrau zurückgekehrt war, wurde sie von wohlmeinenden
Bekannten darauf aufmerksam gemacht, daß ihre beiden Jüngsten
sich eines schlimmen Rufes erfreuten. Nicht einmal Ladenklingeln
und Fensterscheiben waren sicher vor ihnen, und was das Ärgste
war, Ellen trieb sich mit Jungen in der Stadt herum. Nun wurde Ellen
plötzlich aus allen Himmeln geschleudert; aber diesmal fand sie den
Mut zu offener Auflehnung, und es gab eine heiße Szene zwischen
ihr und der Mutter.
Zieht mir doch lieber gleich eine Zwangsjacke an, schrie sie. Ellen
hatte gar keine Ahnung, was das eigentlich für ein Ding wäre, aber
sie bekam ihre Zwangsjacke. Man ließ sie nicht mehr aus den
|  |
|
| |
|
|