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Es war ihr ganz neu und zuerst etwas beängstigend, mit so vielen
Kindern zusammenzukommen. Aber wenn der langbeinige, immer
etwas angetrunkene Tanzmeister mit seiner Geige mitten im Saal
stand und die ganze Schar um ihn herumwirbelte, kam es wie ein
Rausch über sie, und sie vergaß, daß das Leben sonst so schwer
war. Den andern Mädchen gegenüber fühlte sie sich etwas
zurückgeblieben, vor allem war es unangenehm, als Schloßfräulein
so schlecht angezogen zu sein. Dafür hatte ihre Mutter gar keinen
Sinn - jahraus, jahrein dieselben alten Kleider, die immer wieder
ausgebessert, verlängert oder gewendet wurden und niemals nach
der Mode. Ellen hatte sich bisher nicht viel darum gekümmert, aber
jetzt konnte sie stundenlang vor dem Spiegel stehen und über ihr
Äußeres nachdenken. Wenn Mama sie dabei ertappte, gab es
wieder ein Donnerwetter: Gib dir nur Mühe ordentlich auszusehen
und nicht alles zu zerreißen. Das andere ist Nebensache.
Aber das war nicht der einzige Punkt, in dem die Stadtkinder ihr
überlegen waren: sie hatten Liebesgeschichten, Rendezvous,
gingen mit den Schülern spazieren und zum Konditor. Alle diese
lustigen Dinge, von denen Ellen jetzt immer erzählen hörte,
schienen ihr so verlockend und begehrenswert, daß sie Detlev
verleitete, mitzumachen. Sie erfanden immer neue Vorwände, um in
die Stadt zu kommen, und gingen dann mit den andern bummeln.
So wundervoll sündig kam man sich vor bei diesen heimlichen
Streifzügen unter Lärm und Gelächter, oder in dem dunklen
Hinterzimmer der kleinen Konditorei, bei all den Neckereien und
Anspielungen, die da hin und her flogen, - bei all dem Herzklopfen
vor Entdeckung und den hinterlistigen Verabredungen während der
Tanzstunde unter Mamas Augen.
Es bekam alles eine andere Perspektive. Ellen hatte bis dahin nur in
sich selbst hineingelebt in dem engen Kreise, den man um sie zog.
Jetzt fing die Welt an, sich zu weiten, sie sah: es gab noch ein
Leben, das jenseits der Mauer lag, das rascher pulsierte und reich
an lockenden Erregungen war.
Am Ende dieses bewegten Sommers verreisten die Eltern auf
längere Zeit. Ellen genoß die Septembertage im Gefühl eines
großen Triumphs, denn Cläre Huhn war krank geworden, und das
empfand sie als ihr Werk. Vier Jahre hindurch hatten sie sich Tag
für Tag an dem großen runden Schultisch gegenübergesessen, und
vier Jahre hindurch hatte Ellen das arme, bleichsüchtige Geschöpf
buchstäblich gemartert mit allen Schikanen, die der rücksichtslose
Haß eines Kindes ersinnen kann. Sie ließ sich kein Lächeln, keinen
Fleiß, kein Eingehen auf irgend etwas abgewinnen, begegnete aller
Freundlichkeit und aller Strenge mit derselben steinernen,
ablehnenden Hartnäckigkeit und betete allabendlich, daß Gott Cläre
Huhn mit seinem Zorn treffen möge.
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