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aus dem keiner mehr zurückkommt - und ein seltsames Gefühl von
Erdenfremdheit durchzog sie, als ginge es sie nichts mehr an, ob
sie wieder zu den Lebenden gehören sollte.
Dezember 93
Den ganzen Tag in alten Briefen gelesen und zuletzt in meinem
einstigen Münchener Tagebuch - bis dahin, wo es plötzlich abbricht
Seither habe ich nie wieder geschrieben, es taumelte alles zu
überstürzend rasch an mir vorbei und über mich weg, von einer
Katastrophe zur andern, bis zu der langen Ruhezeit im
Krankenhaus.
Danach kann ich mich oft noch zurücksehnen - mein Gott, es war
nicht leicht, von der stillen Zeit Abschied zu nehmen und so mit
halben Kräften wieder hinaus - sich am Stock herumschleppen wie
ein Krüppel. Und wo mich Bekannte sehen, dies Erstaunen - man
hat ja immer nur gehört: mit der ist's aus. Es kommt mir beinahe
vor, als wären sie enttäuscht, wenn einer wieder aufersteht von den
Toten. - Und diese endlosen Fragen, warum ich immer noch hier
bin, nicht bei meinem Mann. - Das weht einen so kalt und feindlich
an, man möchte seine Habe auf den Rücken nehmen und
davongehen - Gott weiß wohin. - Aber ich hätte es mir vorhersagen
können. - Und wenn ich so dasitze und meine Umgebung ansehe,
in der ich jetzt lebe - dies kleine, enge Atelier mit dem Feldbett und
dem großen Tisch, weiter ist fast nichts darin -, da kommen so
allerhand Gedanken. - Ja, ich bin jetzt nicht mehr die verwöhnte
junge Frau, der man jeden Wunsch an den Augen abliest -, und
auch nicht mehr die unverwüstliche Ellen früherer Tage, der die
größte Misere am lustigsten schien. Der schwerste Kampf wird jetzt
erst beginnen, wo ich ihm eigentlich nicht mehr gewachsen und
schon recht kampfmüde bin.
Da steht der Stock neben mir - der Stab Wehe - mein guter Doktor
versichert mir, daß ich mit der Zeit wieder würde gehen können wie
andere Menschen, aber dann redet er auch von Schonung und
Pflege und ist entsetzt, wenn er hier heraufkommt: 'Kann denn
niemand etwas für Sie tun?' - Aber das kann ich ihm nicht
auseinandersetzen... Reinhard tut immer noch für mich, was er
kann, aber die Krankenzeit hat mehr verschlungen, wie ich ihm
sagen möchte, und noch Schulden von früher her. - Es kommt eine
ziemliche Misere dabei heraus. Nur gut, daß wir immer zwei sind,
die Dalwendt ist jetzt auch ganz auf sich selbst angewiesen, und wir
teilen gute und schlechte Tage wie früher.
Alles in allem bin ich ja gerade dahin gelangt, wo ich wollte, mein
Leben gehört nur noch mir, ich kann daraus machen, was ich will.
Ich bin auch noch jung genug - wie viele fangen in meinem Alter
erst an hinauszukommen.
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