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Ein Abend, wo die Eltern in Gesellschaft waren, wurde dazu
ausersehen, denn diese heilige Handlung konnte nur ganz im
geheimen, bei Nacht und Nebel vor sich gehen. Als der Wagen aus
dem Hof rollte, stürmten sie rasch in die Kinderstube, wickelten sich
in phantastische Gewänder aus weißen Bettüchern, zündeten die
heimlich erbeuteten Wachskerzen an und wallfahrteten mit
dumpfem Gemurmel, in dem immer wieder das Wort Blut! vorkam,
durch den Rittersaal, durch die weiten, dunkeln Bodenräume, die
sich über das ganze Schloß hinzogen, und dann die schmale
Wendeltreppe hinab in die frühere Kapelle. Unwillkürlich hörten sie
auf zu murmeln, auf dem glatten Fliesenboden hallte jeder Schritt
laut wider, und die tiefen Nischen rings an der Wand waren
unheimlich dunkel. An der Stelle, wo der Altar gestanden, war noch
eine viereckig aufgemauerte Erhöhung, da stellten sie ihre Lichter
hin. Keines von ihnen sprach ein Wort, während sie sich mit einem
stumpfen Messer Arme und Beine ritzten und das Blut in einem
Glase sammelten. Weil es nicht genug war, kam noch etwas
Wasser dazu, dann tranken sie es aus, schwuren sich ewige Treue
und furchtbare Rache dem, der zum Verräter würde. Als das
geschehen war, wurde die Stimmung etwas leichter. Geerd, der
über Taschengeld verfügte, hatte Kuchen und eine Flasche Wein
beschafft und sie lagerten sich zum Mahl um den Altar.
Verspätet und mit erhitzten Köpfen erschienen die drei an diesem
Abend im Eßzimmer, und während sie bei Tisch saßen, gingen
immer wieder geheimnisvolle Blicke und Anspielungen zwischen
ihnen hin und her.
Wenn es irgend anging, feierten sie jetzt jeden Sonntagabend ein
heimliches Bundesmahl in der Kapelle, im Keller oder auf dem
Turmboden - aber dunkel mußte es sein, und niemand durfte darum
wissen, sonst wäre alles entweiht gewesen.
Als aber der Winter zu Ende und es draußen wieder schön und
trocken war, fanden sie, daß nun etwas Neues kommen müsse.
Anfang April, an einem warmen, lichten Tage, durchstreiften sie den
ganzen Garten, diese unerschöpfliche Märchenwelt von Abhängen,
Gebüschen und halbverwachsenen Wegen, wo man immer wieder
etwas entdeckte: Plätze, wo sie noch nie gewesen waren, Pflanzen,
die sie nicht kannten, Ameisenhaufen, Vogelnester und so vieles
andere. Besonders war es der breite Schloßgraben, der sie anzog,
mit seinem geheimnisvollen, grünen Wasser, auf dem sonderbare
große Spinnen wie auf Schlittschuhen hinglitten. An den Abhängen
blühten schon die weißen Sternblumen und die Weidenzweige
hingen tief herunter. Zuletzt kamen sie in die verwilderte Schlucht,
die zwischen Garten und Koppel lag, mit einem schmalen Fußweg
mitten durch und ein paar krummen Holunderbäumen.
Geerd ging wie immer zwischen den beiden andern, die sich so
ähnlich sahen, daß man sie in gleichen Kleidern fast für Zwillinge
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